Warum wir oft nicht das tun, was wir eigentlich wollen?
Du willst eigentlich gar kein Eis essen
Stell dir vor, du bist auf Diät.
Heute Abend möchtest du nicht naschen.
Du sitzt vor dem Fernseher. Der Film wird langweilig. Irgendwann taucht der Gedanke auf, kurz zum Kühlschrank zu gehen.
Du ignorierst ihn.
Einige Minuten später ist der Gedanke wieder da. Diesmal etwas stärker.
Du erinnerst dich daran, warum du abnehmen möchtest. Du führst einen inneren Dialog. Du wägst Vor- und Nachteile ab.
Und dann passiert etwas Merkwürdiges.
Plötzlich scheint die Sache klar zu sein.
Ein kleiner Becher Eis wäre jetzt doch eine gute Idee.
Du stehst auf, gehst zum Kühlschrank und hast dabei sogar das Gefühl, eine bewusste und vernünftige Entscheidung getroffen zu haben.

Aber wann genau ist diese Entscheidung eigentlich gefallen?
In dem Moment, als du aufgestanden bist?
In dem Moment, als du dir gesagt hast, dass eine Ausnahme schon in Ordnung wäre?
Oder vielleicht schon deutlich früher, bevor dir überhaupt bewusst wurde, was gerade in dir vorgeht?
Vielleicht kennst du dieses Gefühl auch aus anderen Situationen.
Du möchtest eigentlich früher ins Bett gehen und scrollst trotzdem noch eine Stunde durch dein Handy.
Du möchtest mit dem Rauchen aufhören und zündest dir trotzdem eine Zigarette an.
Du möchtest endlich mit der Arbeit beginnen und öffnest stattdessen zum fünften Mal deine E Mails.
Warum tun wir so oft Dinge, die wir eigentlich gar nicht tun wollen?
Trifft dein Gehirn Entscheidungen, bevor du es tust?
Genau mit dieser Frage beschäftigten sich Neurowissenschaftler.
Besonders bekannt wurde der deutsche Neurowissenschaftler John Dylan Haynes. In seinen Experimenten lagen die Teilnehmer in einem Magnetresonanztomographen und sollten frei entscheiden, ob sie einen Knopf mit der rechten oder der linken Hand drücken wollten.
Das Überraschende war nicht die Entscheidung selbst.
Das Überraschende war, dass sich in den Gehirnscans bereits mehrere Sekunden vorher erkennen ließ, welche Entscheidung die Teilnehmer mit erhöhter Wahrscheinlichkeit treffen würden.

Die Forscher konnten die spätere Wahl nicht perfekt vorhersagen. Die Trefferquote lag deutlich über dem Zufall, aber weit unter einhundert Prozent. Trotzdem war das Ergebnis bemerkenswert. Offenbar beginnt unser Gehirn schon mit der Vorbereitung einer Entscheidung, bevor wir sie bewusst erleben.
Diese Ergebnisse passen zu früheren Untersuchungen des Neurophysiologen Benjamin Libet aus den achtziger Jahren. Er konnte zeigen, dass im Gehirn bereits ein sogenanntes Bereitschaftspotential entsteht, bevor Menschen berichten, sich bewusst für eine Bewegung entschieden zu haben.
Bedeutet das, dass es keinen freien Willen gibt?
Nein.
Zumindest kann man das aus diesen Studien nicht ableiten.
Die Forschung zeigt nicht, dass unser Verhalten vollständig vorherbestimmt ist oder dass wir keine Kontrolle über unsere Entscheidungen besitzen.
Sie zeigt jedoch etwas anderes.
Zwischen dem ersten unbewussten Beginn einer Entscheidung und dem Moment, in dem wir sie bewusst erleben, scheint mehr Zeit zu liegen, als wir lange angenommen haben.
Das bewusste Gefühl, eine Entscheidung zu treffen, könnte also eher das Ende eines Prozesses sein als dessen Anfang.
Allein diese Möglichkeit verändert unseren Blick auf viele alltägliche Situationen.
Wie viel Unbewusstes steckt in unserem Verhalten?
Natürlich ging es in den Experimenten nur um das Drücken eines Knopfes.
Niemand behauptet, dass die Wahl zwischen rechter und linker Hand mit der Entscheidung vergleichbar wäre, eine Beziehung zu beenden, den Beruf zu wechseln oder mit dem Rauchen aufzuhören.
Trotzdem werfen diese Studien eine spannende Frage auf.
Wie viele unserer alltäglichen Entscheidungen entstehen tatsächlich bewusst?
Was ist mit Situationen wie diesen?

Ich rauche, obwohl ich weiß, dass es meiner Gesundheit schadet.
Ich prokrastiniere, obwohl ich meine Aufgabe eigentlich erledigen möchte.
Ich esse weiter, obwohl ich längst satt bin.
Ich trinke mehr Alkohol, obwohl ich weiß, dass ich mich morgen darüber ärgern werde.
In all diesen Situationen scheint ein Teil von uns etwas anderes zu wollen als der Teil, der vernünftige Entscheidungen treffen möchte.
Wir handeln gegen unsere eigenen Ziele.
Manchmal sogar gegen unsere eigenen Werte.
Und oft passiert das nicht nur einmal, sondern immer wieder.
Vielleicht fehlt uns gar nicht die Disziplin.
Vielleicht kämpfen wir einfach auf der falschen Ebene.
Warum Willenskraft oft nicht ausreicht
Die meisten Menschen versuchen, Gewohnheiten mit Vernunft zu verändern.
Sie machen Pläne.
Sie setzen sich Ziele.
Sie schreiben Listen.
All das kann hilfreich sein.
Doch wenn das eigentliche Verhalten von automatischen Gewohnheiten, emotionalen Bedürfnissen oder unbewussten Erwartungen gesteuert wird, reicht Vernunft allein oft nicht aus.
Das erklärt auch, warum viele Menschen genau wissen, was sie tun sollten und trotzdem immer wieder anders handeln.
Es ist kein Wissensproblem.
Es ist häufig ein Problem der unbewussten Verhaltenssteuerung.
Genau hier setzt Hypnose an
Hypnose bedeutet nicht, die Kontrolle abzugeben.
Im Gegenteil.
Hypnose nutzt einen Zustand fokussierter Aufmerksamkeit, in dem unbewusste Denk und Verhaltensmuster leichter zugänglich werden.
Anstatt ausschließlich mit dem bewussten Verstand zu arbeiten, richtet sich der Blick auf die Prozesse, aus denen Verhalten überhaupt erst entsteht.
Warum fühlt sich die Zigarette wie Entspannung an?
Warum wird Schokolade zur Belohnung nach einem stressigen Tag?
Warum löst eine eigentlich harmlose Situation plötzlich Angst aus?
Hinter vielen Gewohnheiten steckt ein unbewusstes Bedürfnis oder eine gelernte Verknüpfung.
Solange diese bestehen bleibt, fühlt sich das alte Verhalten oft erstaunlich logisch an, selbst wenn wir bewusst längst etwas anderes möchten.
Hypnose kann dabei helfen, diese Muster zu erkennen und Schritt für Schritt zu verändern.
Nicht indem sie den freien Willen ausschaltet.
Sondern indem sie den Teil unseres Erlebens einbezieht, der Entscheidungen möglicherweise schon vorbereitet, lange bevor sie uns bewusst werden.

Fazit
Die moderne Hirnforschung zeigt, dass bewusste Entscheidungen vermutlich nur einen Teil dessen darstellen, was in unserem Gehirn passiert.
Viele Prozesse beginnen bereits unbewusst.
Das bedeutet nicht, dass wir keine Kontrolle über unser Leben haben.
Es bedeutet aber, dass Veränderung oft dort beginnen muss, wo Verhalten tatsächlich entsteht.
Vielleicht ist deshalb Willenskraft allein häufig nicht genug.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum Methoden wie die Hypnose vielen Menschen helfen können, Gewohnheiten, Ängste oder Süchte nachhaltig zu verändern.

